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Bayern / Chiemgau / Kunst & Kultur

Seeon im Chiemgau: Klosterbier, Wunderkinder und eine Zarentochter

Seeon im Chiemgau ist ein Stück Bayern wie aus dem Bilderbuch. Während sich wenige Kilometer weiter südlich, am Chiemsee, die Münchner Schickeria und ein Heer von Urlaubern auf die Füße treten, sonne ich mich am Seeoner Klostersee unter Einheimischen und ein paar versprengten Besuchern. Hier nehme ich dich mit auf einen Ausflug nach Seeon im Chiemgau.

Vom Badestrand blicke ich direkt aufs Kloster Seeon, dessen fette, behäbige Zwiebelhauben sich im Wasser spiegeln. Ringsum breitet sich eine sanfhügelige Moränenlandschaft aus, geschaffen von den Eismassen, die sich vor zwanzigtausend Jahren noch von den Alpen bis nach München wälzten. In der Ferne erheben sich die Zacken der Alpengipfel, als wollten sie das friedliche Landschaftsbild einrahmen.

Seeon: Kulturzentrum des Mittelalters im Chiemgau

Abendstimmung am Klostersee in Seeon
Abendstimmung am Klostersee in Seeon

Graf Aribo baute sein Kloster ”bei den Seen” im 10. Jh. weltabgelegen – damals noch auf einer Insel im See – und ließ es von Benediktinermönchen besiedeln. Die Mönche blieben bis zur Säkularisation, der Enteignung des Kirchenbesitzes durch den bayerischen Staat im frühen 19. Jahrhundert.

Die barocken Zwiebelhauben von Kloster Seen, nur auf den ersten Blick Zwillinge, schmücken mittelalterliche Türme aus der Anfangszeit des Klosters. Innen zeigt sich die Kirche ohne den in Bayern üblichen barocken Schmuck und zeigt ihr wahres Alter: An die romanische Säulenbasilika schließt sich ein gotischer Kirchenraum an.

Die Kunst ist in Seeon nach wie vor lebendig in einigen Künstlerateliers, und Skulpturen setzen rund um den See moderne Akzente. Dazwischen tobt eine Horde von Grundschulkindern im Klostergarten, die so aussieht, als hätten sie gerade in Farben geschwelgt. Den Geheimnissen von „Drachenblut“ und „Gänsekiel“ kommen sie heute auf die Spur und üben sich in mittelalterlicher Schriftkunst, verrät die Lehrerin. 

Einen besseren Platz hätten sie sich kaum aussuchen können: Im 11. Jh. war Seeon ein weithin berühmtes Zentrum der Buchmalerei. Ein Kulturzentrum des Mittelalters. Heute ist das Kloster wieder Kultur- und Bildungszentrum und knüpft an alte Tradition an. Außerdem bietet Seeon ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm.

Moderne Kunst trifft Mittelalter in Seeon im Chiemgau
Moderne Kunst trifft Mittelalter in Seeon im Chiemgau

Ein musikalisches Wunderkind zu Besuch in Kloster Seeon

Auch als Zentrum der Kirchenmusik war Seeon bis über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt. Und mit besonderem Stolz erzählen die Klosterchroniken von den Besuchen eines Jungen, der Musikgeschichte schrieb: Wolfgang Amadeus Mozart

Der kleine Wolfgang begleitete seinen Vater manchmal auf Reisen zwischen Salzburg und Augsburg, und die Kutsche machte häufig in im Chiemgau Halt. Während Vater Leopold sich das Klosterbier schmecken ließ, schloss der Sohn Freundschaft mit Pater Johannes von Haaßy. Aus Zuneigung machte der 11jährige Komponist seinem väterlichen Freund ein musikalisches Geschenk: ”Mein Hanserl, liebs Hanserl“, später bekannt als Offertorium ”Inter natos mulierum” (KV 34).

Das „Hanserl“ fand auf dem Klosterfriedhof bei der kleinen Nebenkirche St. Walburga seine letzte Ruhestätte, und in Erinnerung an das „Wolferl“ begeht man alljährlich um die Osterzeit die Mozartwochen in Seeon.

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Der Promi-Friedhof von Seeon

Das „Hanserl“ ruht auf dem Klosterfriedhof. Nicht weit davon erinnert ein schlichtes Grab an eine besondere Dame: Anastasia Manahan, die ihr Leben lang beteuerte, die einzige Überlebende des Massakers an der russischen Zarenfamilie zu sein. 

Tatsächlich war das Kloster nach der Säkularisation auf Umwegen in den Besitz der russischen Zarenfamilie gelangt, die es zum Sommersitz machte und ein bisschen Glamour ins beschauliche Seeon brachte. Das Geheimnis, ob Manahan tatsächlich die jüngste Tochter des letzten Zaren war, nahm sie mit ins Grab.

Flüssige Nahrung – Klosterbier oder Aperol Spritz?

Um Maßhaltung bei Speis und Trank hatte Benedikt von Nursia seine Mönche angefleht, aber auch um die Schwäche des Geistes gewusst und hier und da ein Auge zugedrückt. Berühmt war Seeon immer schon für die flüssige Nahrung. Mit einem Fass Klosterbier hatte der hiesige Mönch Max Keller im 18. Jh. seinen Unterricht beim Salzburger Domorganisten Johann Michael Haydn, einem Bruder des Komponisten, bezahlt. Ein flüssiges Vermächtnis der Benediktiner reicht man noch im Klosterhotel: Das „Kloster-Seeon-Urdunkel“ gibt’s nur hier.

Sundowner am Klostersee
Sundowner am Klostersee

Besonders gut schmeckt das Bier an warmen Sommerabenden im Biergarten der Klostergaststätte unter schattigen Kastanien, wenn der Himmel über Seeon in bayerischem Weiß-Blau erstrahlt. Noch beschaulicher ist es abends im kleinen Schwimmbad auf der anderen Seite des Klostersees, wo sich zum Sundowner die Zwiebeln der Klosterkirche im Wasser spiegeln.

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2 Kommentare

  • Beate
    12. März 2021 at 11:52

    Sehr schöner, motivierender Text und dazu passende Bilder.
    War eine Freude, das zu lesen 🙂

    Antwort
    • Elke
      12. März 2021 at 13:52

      Liebe Beate,
      vielen Dank für das Lob!
      Dann gefallen dir vielleicht auch die Beiträge zu den Chiemseeinseln.
      Liebe Grüße
      Elke

      Antwort

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