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Werksviertel München – vom Knödelquartier zum Kreativquartier

Werksviertel München: Werksviertel Mitte Container Collective

München ist verschlafen und geschleckt im Vergleich zu Berlin? Kann schon sein. Aber es gibt auch ein paar richtig coole Ecken wie das Schlachthofviertel, das ich schon vor einiger Zeit in einem Post vorgestellt hatte, oder das Werksviertel München hinter dem Ostbahnhof. Hier nehme ich dich mit auf einem Rundgang übers ehemalige Pfanne-Betriebsgelände (genau: die Knödel-, Puffer- und Püreekönige, deren Slogan „Gutes aus München – Gutes von Pfanni“ meine Kindheit begleitete), das heute das Werksviertel Mitte ist. Es erlebte eine spannende Transformation vom Knödelquartier zum Kreativquartier und wurde 2023 mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet.

Das Werksviertel Mitte im Werksviertel München

Das Werksviertel Mitte ist nur der zentrale Teil des Werksviertels München. Das Pfanni-Gelände halt. Hier produzierte man 1949 bis 1996 Kartoffelfertigprodukte und schickte sie vom Münchner Ostbahnhof in alle Welt. In der besten Phase des Unternehmens waren 1200 Leute im Pfanni-Werk beschäftigt.

In anderen Bereichen des Werksviertels hatten die Optimol Ölwerke und der Mopedhersteller Zündapp einen Standort. Zündapp ging 1984 in Konkurs, die Optimolwerke wurden 1992 verkauft und 1996 wurde auch Pfanni der Standort München zu teuer. Das Fabrikgelände wurde aufgegeben. Pfanni-Produkte gibt es übrigens immer noch, aber das Unternehmen zog nach Mecklenburg und gehört längst zum Lebensmittelgiganten Unilever.

Wie kommst du zum Werksviertel München?

Am besten kommst du mit dem Fahrrad oder öffentlich. Der S-Bahnhof Ostbahnhof liegt wenige Minuten entfernt. Die Busse 190 und 191 halten fast direkt vorm Eingangstor zum Werksviertel Mitte.

Hier gibt es den Geländeplan zum Download zur besseren Orientierung auf dem Gelände.

Container Collective – bunt und kultig

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Das Tor zum Werksviertel Mitte

Wenn du das Gelände durchs Tor zum Werksviertel Mitte betrittst, stehst du direkt im Container Collective, einer Ansammlung von 39 ausrangierten Schiffscontainern, die ein zweites Leben als Bars und Läden geschenkt bekamen. Bunt bemalt zeugen sie von Kreativgeist, strahlen aber auch den Charme des Vergänglichen aus. Tatsächlich sind sie nicht für die Ewigkeit gedacht. Zwischennutzung heißt das Zauberwort. Bis 2027 hat das Container Collective vermutlich noch Bestand, dann lebt es möglicherweise an anderer Stelle wieder auf. Werkstätten und spannende Läden für Vintage-Brautkleider oder recycelten Schmuck zum Beispiel gibt es zu entdecken. Die Hochbeete, die man mieten und pflegen konnte, wirken dagegen gerade ein bisschen verwaist.

WERK3 – Werkshallen werden Loftbüros

WERK3 war einst das Herzstück des Fabrikgeländes – hier wurden Berge von Kartoffeln zerstampft. Daran erinnern noch wiederbelebte Schwemmkanäle, in denen die Kartoffeln früher gereinigt wurden, die Gleise einer Kartoffelbahn, die die Kartoffelkisten transportierte. Die Werkshallen wollte die Fabrikantenfamilie Eckart, der das Gelände immer noch gehört, erhalten. So bekam das Gebäude frische Farbe (Pfanni-Orange!) und ein schickes neues Innenleben. Die Loft-Büros waren in Nullkommanichts vermietet. Kein Wunder – das kultige Ambiente sorgt sicher für machen Kreativschub. Den alten Hallen pflanzte man zwei Stockwerke auf und erhielt eine gigantische Dachfläche von 2.500 Quadratmetern, die begrünt werden sollte.

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WERK3, die einstige Pfanni-Produktionshalle, wurde in Loftbüros verwandelt.

So ein riesiger Dachgarten muss auch gepflegt werden. Die geniale Idee: eine Stadtalm, für die man eine Herde Walliser Schwarznasenschafe als Rasenmäher quasi engagierte. Inzwischen leben auf dem Dach neben Schafen auch Hühner und Bienenvölker. Wenn das nicht cool ist! Du kannst die Tiere nur im Rahmen einer Führung besuchen – sehr beliebt bei Schulklassen. Einen Blick aufs Dach kannst du aber auch vom Riesenrad oder aus der Fitzroy Bar in WERK4 werfen.

Vor WERK3 liegt mit dem Knödelplatz auch das Herz des Viertels. Besonders an Wochentagen kommt hier ein bunter Mix an Menschen zusammen – von den Senioren, die vom Verein „Ein Herz für Rentner“ unterstützt werden, über Künstler und Handwerker bis zu Büroarbeitern natürlich. Dazu kommen Touristen – Familien, die sich in den Hotels einquartieren, genauso wie junge Leute, die im Hostel wohnen. Ein Platz mit Sitzplätzen ohne Konsumzwang. Und abends strömen zusätzlich die Besucher der Kulturevents und Party People. Die Knödel kannst du übrigens so richtig nur von oben sehen (siehe Foto unten).

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Eine Passage führt zum zentralen Knödelplatz.
Werksviertel München: Knödelplatz
Werksviertel München: Knödelplatz

Die Zukunft des Werksviertels München

Ein Schlenker führt auf die andere Seite der Atelierstraße. Im Gebäude mit der Hausnummer 1 findest du Schautafeln mit dem Bebauungsplan fürs Viertel. 1900 hatte die Stadt München die Flächen hinter dem Ostbahnhof zum Industrieviertel erklärt, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg Pfanni, Optimal, Zündapp & Co. teilten. Ab 1996 gab es kreative Zwischennutzungen (Kunstpark Ost – genial! Wer kennt das noch?), 2010 verständigten sich die Eigentümer auf eine neue Mischnutzung (Leben und Arbeiten plus Kultur), aber erst 2017 (die langen Wege der Bürokratie …) wurde der Bebauungsplan abgesegnet und es konnte losgehen.

Auf dem Plan siehst du, wie das Gelände aufgeteilt werden soll. 2023 bereits gewann man einen Städtebaupreis (siehe unten). Und der Mix ist tatsächlich genial: Künstlerateliers neben schicken Büros, Hochkultur trifft Subkultur, Hightech trifft Handwerk und die Wurstbude ist genauso vertreten wie gehobene Gastronomie. Das ist in München, wo man zuvor auf reine Wohnviertel setzte, einzigartig.

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Bebauungsplan für das Werksviertel

WERK12 – ein Neubau mit Stil

Nicht alles ist alt auf dem Gelände, es gibt auch das ein oder andere neue Gebäude – wie WERK12. Das Vielzweckgebäude mit seiner offenen Architektur stammt vom Architekturbüro MVRDV aus Rotterdam. Die Fassade schmückt ein urbanes Kunstwerk von Christian Engelmann und Beate Engl: Übliche Schriftzüge aus Comics – AAHH, OH, PUH – sollen eine Hommage an die Graffitikultur sein. Besonders abends, wenn sie beleuchtet sind, echte Hingucker. Und wie so oft im Viertel und explizit erwünscht, sind die Mieter des Gebäudes bunt durchmischt: Gastronomie, ein Fitnessstudio und Büros.

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WERK12, ein Neubau am Knödelplatz
Werksviertel München: Knödelplatz mit WERK12
Werksviertel München: Knödelplatz mit WERK12 am Abend

Ausgezeichnet: Städtebaupreis 2023 fürs Werksviertel München

Die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung fördert seit 40 Jahren zukunftsweisende Stadtbauprojekte und vergibt alle zwei Jahre den Deutschen Städtebaupreis. 2023 fiel die Wahl auf das Werksviertel München, das sich gegen 50 Bewerber durchsetzte. Die Jury lobte: „Der Ort ist ständig in Bewegung, entwickelt sich weiter. Der öffentliche Raum verbindet und trägt diese unterschiedlichen Strukturen in seinem ebenso experimentellen Charakter. Viele liebevolle Details machen das Werksviertel zu einem der außergewöhnlichsten Projekte der jüngeren Vergangenheit.“

WERK4 – vom Kartoffelsilo zum Hybridgebäude

Auf das ehemalige Kartoffelmehlsilo pflanzte das Büro steidle architekten einen 86 Meter hohen Turm. WERK4 ist ein für München einzigartiges Gebäude mit spannendem Innenleben. Die oberen Etagen gehören dem 4* Longstay-Hotel Adina mit Fine-Dining-Restaurant und schicker Bar (toller München-Blick!), im einstigen Silo liegen das Hostel Wombat’s für eine junge Besucherklientel und eine Kletterhalle mit spektakulärem Außenbereich.

Werksviertel München: Blick aus der Bar Fitzroy im WERK4
Werksviertel München: Blick aus der Bar Fitzroy im WERK4

WERK7 und Tonhalle – Kultur pur

WERK7 war einst die Kartoffelhalle, wo 4.600 Tonnen Kartoffeln lagerten. Eine absolute Hightech-Halle mit perfekter Lüftung und Grünlicht, damit die Kartoffeln nicht keimten. Heute bietet WERK7 theater eine tolle Bühne für Theateraufführungen, aber auch für zahlreiche andere Veranstaltungen Das Technikum nebenan ist etwas intimer und eignet sich für kleinere Events. Eine Besonderheit: Die Technik dort kann jeder für seine Auftritte mieten.

Gegenüber liegt die Tonhalle, eine höchst wandelbare und riesige Eventlocation, die meist für Pop- und Rockkonzerte genutzt wird. 1.000 Plätze bestuhlt und 2.000 Plätze unbestuhlt sind schon eine Ansage.


Neben der Tonhalle liegt die NachtKantine in der ehemaligen Pfanni-Kantine – ebenfalls Veranstaltungslocation mit Live-Bühne.

WERK1 und WERK1.4 – ein Herz für Gründer

WERK1 war die einstige Zentrale des Pfanne-Werks, die mit WERK1.4 im Frühjahr 2023 eine Ergänzung bekam. Der Gesamtkomplex ist heute ein Paradies für Start-ups. Zum Komplex gehören günstige Büroflächen und Coworking Spaces, ein Gründercafé und ein Boarding House – praktische Wohnadresse für Gründer – und Eventflächen. Die Planung von WERK1.4 übernahm das Münchner Architekturbüro Hild und K (mein Nachbar :-). Hallo Dionys!)


WERK1 wird den Übergang vom Kulturviertel beziehungsweise vom Bereich Leben zum Wohnviertel markieren. Dort, wo derzeit noch die alte Halle des Zündapp-Werks langsam verfällt, werden in den kommenden Jahren allein hier im Werksviertel Mitte rund 600 Wohnungen für 2.000 Menschen entstehen.


Schade um die Halle, die nicht in verhaltenswertem Zustand war, und die Wände mit tollen Murals, die zum Teil im Rahmen des Festivals Hand’s off the Wall entstanden – ein Street Art Festival für Frauen. Aber Wohnungen braucht München auch ganz dringend.

Das Konzerthaus – Münchens ehrgeizigstes Kulturbauprojekt

Mit dem Konzerthaus München plant der Freistaat Bayern mitten im Werksviertel einen spektakulären Kulturtempel. Es soll nicht nur die Heimat des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks werden, sondern der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) neue Entfaltungsmöglichkeiten bieten und überhaupt als Kulturlabor dienen. Damit würde es perfekt ins Kreativviertel passen. Das endgültige Okay zur Umsetzung des Entwurfs vom Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur aus Bregenz stand mit der Pandemie plötzlich wieder auf der Kippe. Nun soll das Konzerthaus kommen – aber in abgespeckter Form, verkündete Ministerpräsident Markus Söder. Was auch immer das bedeutet.

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Entwurf für das neue Konzerthaus

Das Riesenrad Umadum

Ein Platzhalter für das Konzerthaus – eine Zwischennutzung wieder mal – ist das Riesenrad Umadum mit seinen 27 Gondeln. Mit knapp 80 Metern Höhe eine echte Alternative zu den klassischen Münchner Aussichtspunkten wie dem Alten Peter beim Marienplatz oder dem Olympiaturm. Du schaust auf einer Seite an klaren Tagen auf die Alpen, auf der anderen Seite auf München. Im Werksviertel selbst kannst du die Schafe auf dem Dach sehen. Das Rad dreht sich im Zeitlupentempo – eine Runde dauert 25 Minuten. So hast du reichlich Zeit zum Betrachten und Fotografieren.

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DAs Riesenrad Umadum ist Platzhalter für das Konzerthaus.
Werksviertel München: Riesenrad
Werksviertel München: Blick aufs Riesenrad von der Bar Fitzroy

WERK17 – Hotel und Gastro

WERK17 ist ein Neubau von Hild und K, der dort steht, wo seit dem Mittelalter Lehm abgebaut wurde, aus dem man die Ziegel für unzählige Gebäude in München brannte. Daran erinnert der ockergelb eingefärbte Beton. In dem Gebäude sind das Hotel Gambino, Restaurants und Bars untergebracht. Unter WERK17 liegt eine Tiefgarage für Besucher, die lieber mit dem Auto anreisen.

Übernachten im Werksviertel München

  • Adina Apartment Hotel Munich (4-Sterne-Hotel), Atelierstraße 22 (WERK4), www.adinahotels.com
  • Gambino Hotel Werksviertel (stylisches junges Cityhotel), Atelierstraße 7 (WERK17), www.gambinohotels.com

Essen im Werksviertel München

  • Asia Street by Sun, Atelierstraße 16 (WERK3), https://asiastreet.de. Take-away mit Bowls, Sushi, Snacks und wechselnde Spezialitäten von Mun Kim, der auch ein Fine-Dining-Restaurant in München betreibt.
  • Deli Tadka, Atelierstraße 14, https://delitadka.de. Streetfood und traditionelle Currys aus unterschiedlichen Regionen Indiens zum Mitnehmen oder draußen essen.
  • Fitzroy – Modern Australian Kitchen & Bar, Atelierstraße 22 (WERK4), www.fitzroy-munich.de. Moderne australische Küche – inspiriert von asiatischer wie europäischer Küchenkultur – und toller Ausblick vom 14. Stock des WERK4-Hochhauses. Angegliedert ist eine Bar, wo du auch auf einen Drink einkehren und den Blick über das Werksviertel (inklusive der Schafe auf dem Dach) und München genießen kannst. Besonders schön in der Dämmerung.

Führungen im Werksviertel

Geländeführungen: www.eventfabrik-muenchen.de/gelaendefuehrungen/

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