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Stoa 169 – moderne Kunst in Polling im Pfaffenwinkel

Säulenhalle der Moderne: Stoa 169 in Polling

Der Blick aus der Ferne ist schon mal eindrucksvoll. Wenn ihr von München aus in Richtung Weilheim fahrt, öffnet sich plötzlich ein grandioses Bergpanorama. Ein gutes Stück vor den Alpen liegt mit dem Pfaffenwinkel eine echte Seelenlandschaft. Anders als in den Urlaubsregionen rund um Garmisch träumt der Pfaffenwinkel, das „Land vor dem Gebirg“, ein bisschen verschlafen zwischen den Moränenhügeln der Eiszeiten vor sich hin. Und genau deshalb gefällt es mir hier so gut. Der Massenansturm auf ländliche Regionen während der Pandemie ging am Pfaffenwinkel glücklicherweise vorbei. Und seit kurzem gibt es ein Pilgerziel für Fans moderner Kunst: Stoa 169.

Geografisch ist der Pfaffenwinkel das Land zwischen Lech und Loisach, zwischen zwischen Benediktenwand und Auerberg, zwischen Starnberger- und Staffelsee. Und neben Seen, Aussichtsbergen und Alpenblick gibt es reichlich Kunst – eine echte Kulturlandschaft also. Der Name ist hier Programm: Klöster und Kirchen gibt es im Überfluss. Die großen Klöster wie Andechs, Benediktbeuern, Dießen, Ettal, Polling, Rottenbuch oder Steingaden erschlossen das Bauernland, wurden Zentren für Kunst und Bildung. Eine der Kirchen im Pfaffenwinkel kennt jeder: Die Wallfahrtskirche „Zum gegeißelten Heiland auf der Wies“ – besser bekannt als – ist UNESCO-Welterbe und ein Meisterwerk der bayerischen Rokokozauberer, der Gebrüder Zimmermann. Aber auch die Maler der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ fanden in dieser Landschaft Inspiration. Ihre Werke könnt ihr in Museen in Bernried, Kochel und Murnau anschauen.

Säulenhalle der Moderne – Stoa 169

Mein Ausflugsziel ist heute Polling, ein kleiner Ort mit großer Vergangenheit. Dazu später. Erstmal geht es in die Moderne. Im September 2020 eröffnete hier ein einzigartiges Kunstprojekt nach 30 Jahren Planung und sechs Jahren Arbeit: Stoa 169.

Polling: Klosterkirche und Maibaum
Polling: Klosterkirche und Maibaum

Anfahrt: Ein bisschen versteckt liegt es auf einer Wiese an der Amper. Im Ortszentrum Polling lasst ihr das Kloster rechts liegen und fahrt Richtung Bahnhof, dem Hinweis STOA 169 folgend. Autos müssen ca. 1 km vor dem Kunstwerk parken, auf bequemem Fuß- und Radweg geht es weiter. Das wollte der Initiator des Kunstprojekts so. Die Besucher sollen nicht zum schnellen Konsum vorfahren, sondern sich auf einem Naturspaziergang erst einmal öffnen. Dann kommt Stoa 169 in Sicht – eine offene Säulenhalle mit derzeit 81 von geplanten 121 Säulen. Ein Projekt, das der Pollinger Künstler Bernd Zimmer seinem Heimatort schenkte.

Mir kommt die Idee der antiken Stoa in den Sinn – eine Wandelhalle zum Spazieren und Philosophieren. Genauso wird sie von Besuchern genutzt: Teenager picknicken auf den Bänken, Kunstliebhaber und Menschen, die einfach neugierig sind, flanieren zwischen den Säulen, Kinder drehen mit Begeisterung an der Klangsäule.

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Säulen aus aller Welt

Auf die Idee zu seinem Projekt kam Zimmer aber auf einer Reise durch Südindien: In den großen Hindutempeln beeindruckten ihn Säulenhallen mit dem Dach als verbindendem Glied. Die Kunst der Welt unter ein Dach als positives Merkmal der Globalisierung – so die Vision des Künstlers. In Polling dringt die Sonne durch quadratische Öffnungen und verbindet die Halle mit dem Himmel.

Für Stoa169 konnte Zimmer mehr als 100 renommierte Künstler aus aller Welt gewinnen. Sie arbeiteten alle ohne Honorar. Das Geld für den Bau der Halle und den Transport der Säulen brachte eine Stiftung auf.

Jede Säule ist ein Unikat. Die Künstler verarbeiteten unterschiedliche Materialien – Holz, Metall, Seile, Knochen. Bernd Zimmer selbst schuf eine Himmelssäule, der Ire Sean Scully umwickelte seine mit Stahl, der Österreicher Flatz pflanzte eine Platane, deren Baumkrone sich über dem Dach öffnet. Sein Landsmann Erwin Wurm steuerte eine seiner „Gurken“ bei, Sinnbilder für die durch männliche Dominanz getriebene Kulturgeschichte. Übergroß schwebende Tropfen zeigt die Säule von Karin Kneffel. Favorit bei den Kindern ist die Klangsäule Kosmo Kalimba, die eine Klasse der Münchner Kunstakademie gestaltete.

Auch zahlreiche Künstler aus Lateinamerika, Afrika, Asien und Ozeanien sind vertreten. Die Säule des Künstlers Kwame Akoto-Banfo aus Ghana prangert Kolonialgeschichte und Sklaverei an. Georges Adéagbo aus Benin schuf eine Plakatsäule. James Gregory Orsto und Margaret Baragurra bringen Aborigene-Motive aus Australien in den Pfaffenwinkel. Die Tiki-Säule des polynesischen Künstlers Maheatete Huhina wurde nach altem polynesischem Ritual mit einem Kriegstanz in der Südsee verabschiedet, bevor sie auf die Reise nach Bayern ging, wie ein Video auf der Internetseite eindrucksvoll zeigt. Ein Kunstspaziergang der besonderen Art erwartet euch.

Kloster Polling – Bildungszentrum der Aufklärung

Ein Spaziergang durch den 3500-Seelen-Ort, durch den sich idyllisch die Ammer schlängelt, rundet den Besuch in Polling ab. Im Zentrum überdimensional das Kloster, das der Legende nach Herzog Tassilo III. um 750 n.Chr. als Benediktinerkloster gründete. Später übernahmen die Augustiner-Chorherren. Es erlebte Höhen und Tiefen, wandelte sein Aussehen mit den Baumoden. Eine Glanzzeit erlebte das Kloster im 18. Jahrhundert, als Zentrum der katholischen Aufklärung in Bayern. Ein Platz für Freigeister. Die erste wissenschaftliche Zeitschrift Bayerns mit Beiträgen zu Astronomie, Chemie, Geschichte und Grammatik gab einer der Klostergelehrten heraus. 80 000 wertvolle Bücher sammelten die Augustiner-Chorherren in ihrer Bibliothek, der zweitgrößten Bayerns. Doch 1803 mit der Säkularisation schloss wie fast alle anderen Klöster in Bayern auch das mächtige Kloster Polling die Pforten.

1892 zog mit den Dominikanerinnen aus Donauwörth wieder geistliches Leben in Polling ein. Die Klosterfrauen errichteten eine Mädchenschule, die sie mit einer Pause zur Zeit des Naziregimes bis 1972 betrieben. Inzwischen ist ein Hospiz in die Klosterräume eingezogen. In einigen der Säle finden Konzerte und andere Veranstaltungen statt.

Ein preisgekröntes Schmuckstück ist das Ensemble aus Kirchplatz und ehemaligen Klostergebäuden. Mittendrin die Stiftskirche St. Salvator, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Rokoko-Gesicht über gotischen Mauern bekam und seit der Säkularisation Pfarrkirche ist. Wegen Corona darf ich leider nur durch ein Gitter ins Kirchenschiff spähen.

Neues Leben in alten Mauern

Ein Showroom für Oldtimer im ehemaligen Wirtschaftstrakt des Klosters ist Pilgerziel für Autofans. Ich bekomme normalerweise beim Anblick von Autos kein Herzklopfen – das taubenblaue Mercedes-Cabrio, das ich durchs Fenster begutachte, begeistert aber auch mich durch gnadenlos gutes Design. Für schlappe 1,5 Mio. Euro zu haben. Der Besitzer Hans Kleissl restaurierte vier Jahrzehnte lang die Wirschaftsräume des Klosters, die in desolatem Zustand waren, mit Liebe zur Historie und zum Detail. Für seine Autos kommen Liebhaber aus aller Welt in den Pfaffenwinkel.

Dr. Faustus in Polling

Wenn ihr noch Lust auf einen Spaziergang habt – der 5 km lange „Doktor-Faustus-Rundweg“ mit 13 Stationen führt zu Schauplätzen des Romans „Doktor Faustus“ von Thomas Mann. Polling war Vorbild für das fiktive Pfeiffering, in dem der Roman spielt. Thomas Mann war hier öfter zu Besuch, um seine verwitwete Mutter zu besuchen und verliebte sich in den Ort. Cousins lebten in der ehemaligen Meierei des Klosters, die heute in Privatbesitz ist. Er fand „ein Stück erlebte Menschlichkeit“.

Ein sehenswertes Kunstprojekt des 21. Jahrhunderts, ein mächtiges Kloster, kultige Autos und literarische Spuren – reichlich Gründe für einen Besuch in Polling.

Appetit auf den Pfaffenwinkel bekommen? Hier geht’s zur Wanderung auf den Hohen Peißenberg.

2 Kommentare

  • Marion Golder
    9. April 2021 at 19:20

    Liebe Elke,
    die Stoa 169 bei Polling ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Die Wandelhalle mit den von verschiedenen Künstler geschaffenen Säulen regt die Fantasie an, es ist ein Stück Poesie im Grünen entstanden. Vielen Dank für Informationen, die du hier zusammengestellt hast!
    Liebe Grüsse
    Marion

    Antwort
    • Elke
      10. April 2021 at 9:14

      Vielen Dank für das Feedback, liebe Marion!

      Antwort

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