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Vulkane, Lorbeerwälder und Kolonialflair: La Palma, das Naturparadies im Atlantik

Roque de los Muchachos - Blick nach Teneriffa

Massentourismus? Fehlanzeige! Beim Urlaub auf La Palma, der nordwestlichsten der Kanarischen Inseln, werden vor allem Individualreisende glücklich. Naturliebhaber, die am liebsten mit Wanderschuhen unterwegs sind, finden hier zwischen dschungelgrünen Lorbeerwäldern und lavaschwarzem Vulkanland ihr Paradies. Die Palmeros selbst nennen ihre Heimat, die die UNESCO als Biosphärenreservat adelte, selbstbewusst „La Isla Bonita“, die schöne Insel.

Wildschönes Barlovento

Fifty Shades of Green: Handtuchschmale Straßen wie grüne Tunnel winden sich durch die Region Barlovento im Nordosten La Palmas. Ein immergrüner Inselgarten mit Kanarischen Kiefern, Kanarischen Dattelpalmen, Drachenbäumen und Lorbeerbäumen – den einheimischen Stars der Botanik – und bunten Farbtupfern öffnet sich: Gänsedisteln blühen gelb wie Löwenzahn, pink die Maiblumen, zartrosa die Aprikosenblüten. Orangen, Avocados und Papaya baumeln von den Bäumen. Wildfenchel, Sauerampfer, Wildknoblauch und Kapuzinerkresse sammeln Wochenendausflügler am Wegesrand für den Salat. 

Tiefe Schluchten trennen Franceses und Gallegos, zwei Dörfer im Herzen des Barlovento. Sie liegen so traumhaft wie abgeschieden inmitten von Terrassenfeldern, die sich übereinanderstapeln. Eine Landschaft, die Wanderer lieben. Von Schlucht zu Schlucht schlängelt sich der Wanderweg – immer mit Blick auf den Atlantik – von einem Ort zum anderen. Die einheimische Jugend dagegen zieht es in die Städte: Die Grundschule von Gallegos ist schon seit vielen Jahre geschlossen, und in den wenigen Bars sitzen nur ein paar alte Männer beim Café. 

Top of La Palma

Von den grünen Küsten und Wäldern des Nordens winden sich unzählige Haarnadelkurven zum Roque de los Muchachos (2426 m), dem höchsten Gipfel der Insel. Oberhalb der Baumgrenze öffnet sich eine karge Mondlandschaft mit futuristischen Riesenteleskopen in Reih und Glied. Sie locken Wissenschaftler aus aller Welt an, denn La Palma gilt wegen der geringen Lichtverschmutzung als Mekka der Sternengucker. 2012 schon erklärte die UNESCO die Insel zum weltweit ersten Starlight Reserve.

Tagsüber schauen die Besucher statt in den Himmel in die Tiefe: Wolkige Wattepads wabern in der Caldera de Taburiente, dem gigantischen Erosionskrater, der sich im Herzen der Insel ausbreitet und Einblicke in die Erdgeschichte gibt. Dahinter liegt das Vulkanland des Südens, und die Kanarenschwestern Teneriffa, La Gomera und El Hierro recken sich aus dem Meer. 

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Santa Cruz: Mini-Hauptstadt mit Maxi-Flair

Santa Cruz de la Palma ist mit 16 000 Einwohnern wahrlich keine Metropole, aber eine Inselhauptstadt voller Kolonialcharme. An der Avenida Maritima liegt auf der einen Seite der erst vor wenigen Jahren aufgeschüttete breite Stadtstrand, auf der anderen Seite reihen sich jahrhundertealte Balkonhäuser aneinander. Dahinter öffnet sich die kopfsteingepflasterte Calle O’Daly, in der Stadtpaläste von glanzvollen Zeiten erzählen, als Santa Cruz Handelsmetropole auf dem Seeweg nach Amerika war.

Schon Christoph Kolumbus füllte auf La Palma seine Vorräte auf, und als der Handel mit der neuen Welt in Schwung kam, verwandelten reiche Kaufleute Santa Cruz in ein architektonisches Schmuckstück am Atlantik. Heute wieder frisch getüncht und postkartenschön.

Herz der Altstadt ist die Plaza España, eingerahmt von Kirche und Rathaus, für viele das schönste Platzensemble der Kanaren. Das Leben geht hier, wie überall auf der Insel, seinen entspannten Gang – Zeit für einen Kaffee ist immer. Zum Beispiel im Café vor der kleinen Markthalle, in der Händler Papaya, Avocados und Passionsfrüchte von der Insel anbieten. Hier trifft sich halb Santa Cruz zum ersten Café Cortado des Tages.

La Palma und die Pandemie

In einem der einstigen Herrenhäuser liegt das Büro von Raquel Hernandez, die sich um das Tourismusmarketing der Insel kümmert. Sie will nicht klagen: Anders als auf den großen Nachbarinseln spielt der Tourismus auf La Palma nicht die Hauptrolle. Die Isla Bonita ist nach wie vor eine Bauerninsel. Aber die Urlauber haben Wohlstand auf die Insel gebracht, die Raquels Großeltern noch in Richtung Kuba verließen, um der Armut in der Heimat zu entfliehen.

Durch die Pandemie ist das Geschäft mit den Touristen auch hier um 70 Prozent eingebrochen, obwohl die Inzidenzen auf La Palma von Beginn an rekordverdächtig niedrig waren. „Auf einer kleinen Insel kann man das Virus besser verfolgen als in großen Städten, aber unsere Leute waren auch unglaublich vernünftig, haben Kontakte konsequent vermieden“, freut sich die Touristikerin. So können die Palmeros heute – mit Maske und Abstand natürlich – ein weitgehend normales Leben führen. Restaurants und fast alle Unterkünfte sind geöffnet.

Der sanfte Individualtourismus auf La Palma reduziert sowieso die Ansteckungsgefahr. Statt in Hotelburgen wohnen Besucher meist in Apartments und Ferienhäusern. Auch drängen sie sich nicht an den lavaschwarzen Stränden, sondern bewegen sich bevorzugt in Wanderstiefeln oder auf dem Mountainbike in frischer Luft. Urlauber kommen trotzdem nur zögerlich. „Man wirft La Palma in einen Topf mit den großen Kanaren, wo die Zahlen deutlich höher sind“, fürchtet Raquel. 

Heimat der Kanarenbanane

Bananen, Bananen, Bananen – vor allem an der sonnigen Westseite der Insel wuchern die Tropenfrüchte, die Auswanderer aus Mittelamerika importierten, auf Terrassen an Berghängen. Jonas Perez ist Sohn eines Bananenbauern. „Verflucht harte Arbeit, ich war froh, dass mein Bruder die Plantage der Familie übernahm,“ lacht der sportliche Palmero. Er fand nach Lehr- und Wanderjahren inklusive Studium in London und Sprachkurs in Berlin seine Passion im Tourismus auf der Heimatinsel. Doch momentan verkaufen sich Bananen besser als die Wandertouren, die Jonas für Kleingruppen organisiert. „Wir kommen klar, aber wenn es im September nicht wieder losgeht, haben wir ein Problem.“ Dann will er endlich wieder Besucher zu den spektakulärsten Plätzen der Insel führen. 

Durch den Naturpark Los Tilos zum Beispiel, einen grünen Dschungel, in dem sich Stinklorbeer mächtig über dem Dickicht der Farne und der Baumheide erhebt und Kletterpflanzen um die Wette ranken.

Oder auf der Ruta de los Volcanes durch ein noch sehr junges Kapitel der insularen Erdgeschichte. Zwischen weißen Natternköpfen und gelbem Meeressalat, wildem Thymian und Kanarischem Ampfer stapfen Wanderer dort vom Volcán de San Antonio bergab durch eine lavaschwarze Welt und stehen staunend vor dem Roque Teneguia, dessen Kuppe sich aus der Vulkanasche erhebt.

Der Feuerberg explodierte zuletzt 1971, und der Lavastrom, der sich ins Meer wälzte, hinterließ 7 qkm Neuland. Fruchtbare Lavaböden, auf denen heute Weinstöcke wachsen. Nach gut zwei Stunden endet der Wanderpfad an der Steilküste vor den Leuchttürmen von Fuencaliente, wo die Salzpfannen einer Saline in der Sonne glitzern und die wenigen Gäste bei Atlantikfisch im Restaurant die Wanderung ausklingen lassen.

Zurück im Bananengrün der Westküste beweist Jonas auf einer Stippvisite auf der Bananenplantage der Familie, dass die Landwirtschaft ihm doch im Blut liegt. Auf einer Fläche so groß wie ein Fußballfeld reihen sich die Stauden aneinander. Mit Leidenschaft und Know-how erklärt der Outdoor-Spezialist den Weg von der Blüte zur Frucht. Noch ein paar Wochen brauchen die Bananen. Dann nehmen die Früchte über Kooperativen, die sich um die Vermarktung kümmern, ihren Weg nach Festlandspanien. Ziemlich krisensicher, das Geschäft mit der Kanarenbanane. Und, wenn alle Stricke reißen, für Jonas vielleicht ein Plan B.

Zeitreise in die Welt der Zuckerbarone

Mitten in den Bananenhainen des Kolonialortes Tazacorte liegt die Hacienda de Abajo, ein Boutiquehotel, in dem sich Gäste in historischem Ambiente in die Ära der Zuckerbarone zurückträumen können. Familie Sotomayor Topete trieb Handel mit aller Welt und trug in ihrem Landgut ab dem 17. Jahrhundert Kunstwerke aus Italien, Frankreich, Flandern und dem fernen China zusammen. Als der Familienbesitz, den die Familie längst gegen modernen Wohnkomfort eingetauscht hatte, zu verfallen drohte, entstand eine Idee: Ein Hotell, in dem Besucher in eine untergegangene Welt eintauchen können, sollte den alten Mauern neues Leben eintauchen. 

2011 öffnete die Familie das erste Finca-Hotel der Insel. Zwischen Möbeln aus Edelhölzern mit kunstvollen Intarsien, Gemälden und Skulpturen aus mehreren Jahrhunderten und chinesischem Porzellan spazieren Hotelgäste wie durch die Säle eines Museums. Aus den Fenstern blicken sie währenddessen direkt ins Grün der Bananenstauden, die ab Ende des 19. Jahrhunderts Zuckerrohr als wichtigstes Handelsprodukt ersetzten. Im Garten mit Pool und Spa mischt sich die Flora dreier Kontinente. Kanarische Palmen stehen neben Kokospalmen, Papayas reifen neben Orangen.

Finale am Lavastrand von Puerto de Tazacorte 

Ein paar Kilometer sind es von Tazacorte zum Meer. In Puerto de Tazacorte gingen einst die Zuckerrohrfrachter vor Anker. Heute schaukeln Jachten im Hafen, während Atlantikwellen mit Gischt und Getöse an den lavaschwarzen Strand donnern und die bunten Häuser des Ortes im Abendlicht erstrahlen. Familien picknicken am Strand, Kindern spielen auf schwarzen Sandbergen und ein buntes Völkchen trifft sich auf einen Café oder Vino mit Meerblick in einer der Bars, während die Sonne mit Drama in den Wellen versinkt. 

Zwei weitere Artikel zu La Palma:

Literaturtipp

Reisetaschenbuch La Palma, Dumont Reiseverlag 2020. Der aktuellste Reiseführer auf dem Markt zum Zeitpunkt der Recherche im Frühjahr 2021. Inselkennerin Susanne Lipps informiert so detailliert wie unterhaltsam über Orte, Strände und Ausflugsziele. Sie gibt auch unzählige Tipps für die besten Restaurants und Unterkünfte und beschreibt Wanderungen für jedes Konditionsniveau. 

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