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Bayern / Chiemgau / Kunst & Kultur

Schloss Herrenchiemsee – ein Königsschloss auf der Herreninsel im Chiemsee

Heute bin ich – wie vermutlich jeder Chiemgauurlauber irgendwann – reif für die Chiemseeinseln. Fast lautlos gleite ich auf der »Berta«, einem der schneeweißen Schiffe der Chiemseeflotte, über das »Bayerische Meer« zum Schloss Herrenchiemsee auf der Herreninsel. Zusammen mit der kleineren Fraueninsel und der winzigen Krautinsel, dem einstigen Gemüsegarten des Klosters Frauenwörth, übrigens die kleinste Gemeinde Bayerns.

Ein Kloster im Chiemsee wird Verfassungsschmiede

Die meisten Besucher nehmen gleich Kurs auf das Königsschloss Herrenchiemsee und ignorieren das so genannte Alte Schloss, den älteren, geschichtsträchtigeren Teil der Insel. Ein Schlenker lohnt sich aber unbedingt. 

Hier lag eine der Wiegen des Klosterwesens in Bayern. Die Säkularisation im frühen 19. Jh. bedeutete allerdings das Ende für das Augustiner-Chorherrenstift. Die Heiligenfiguren versenkte man im See, die Kirche wurde zum Brauhaus. Spekulanten fielen über die Insel her. 

Als schwäbische Holzhändler zum Kahlschlag rüsteten, reagierte König Ludwig II. auf eine Petition einheimischer Bauern, erwarb die waldreiche Insel 1873 für 350 000 Gulden. Ludwig der Naturschützer.

Die Klosteranlage kam zu besonderen Ehren, als vom 10.–23.8.1948 hier der Verfassungskonvent zur Ausarbeitung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland tagte. Daran erinnert ein Museum.

Das Königsschloss auf der Herreninsel 

»Der Ludwig war schon in Ordnung«, meint der Kutscher, der mich und ein paar Urlauber mit dem Pferdewagen vom Bootsanleger zum Schloss Herrenchiemsee kutschiert. Kein Wunder: Schließlich sichert der Bayernkönig Ludwig II. (1845-1886) auch fast 150 Jahre nach seinem Tod viele Arbeitsplätze in der Region. Schloss Herrenchiemsee ist zweifellos eine Top-Attraktion im Chiemgau.

Mit dem Pferdewagen zum Königsschloss
Mit dem Pferdewagen zum Königsschloss

Ein unglücklicher König

Ludwig gehört zu den schillernden Gestalten der Weltgeschichte, deren Leben reichlich Stoff für Filme, Romane oder sogar Musicals hergibt. Das konnte niemand ahnen, als er am 25. August 1845 als ältester Sohn des späteren Königs Maximilian II. von Bayern und seiner Frau Marie im Schloss Nymphenburg in München das Licht der Welt erblickte. Die Erziehung des Thronfolgers am Hof war streng. Am glücklichsten war der kleine Ludwig während der Sommerfrische der königlichen Familie in der Sommerresidenz Hohenschwangau im Allgäu. Nebenan sollte später sein Traumschloss Neuschwanstein in den Himmel wachsen.

Nach dem Tod des Vaters bestieg der verträumte Ludwig, ein überzeugter Pazifist, mit nur 18 Jahren den Thron und wurde mit der Realität der Staatsgeschäfte konfrontiert. Dabei sehnte sich der sensible junge König nach einer Welt, in der nicht Staatsbudgets und Waffengewalt regierten, sondern die Kunst. Mehr und mehr zog er sich in seine Traumwelten zurück.

Ludwig der Baumeister

Zur Rückzugsnische wurde für Ludwig die Musik Richard Wagners. Der Musiker wiederum fand im König einen Mäzen, der ihm eine sorgenfreie Existenz ermöglichte. Eine klassische Win-Win-Situation also. Bis es zum Zerwürfnis kam. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ludwigs zweite Leidenschaft war das Bauen von Schlössern. Kein ganz billiges Hobby. 1869 war Grundsteinlegung für Schloss Neuschwanstein im Allgäu, 1878 für Herrenchiemsee. Beide Schlösser blieben Fragmente, lediglich Schloss Linderhof bei Oberammergau wurde 1879 fertig gestellt.

»Ich halte dafür, dass das Glück der Völker nicht in der Menge ihrer Eisenbahnen liegt. (…) Auch für zahllose andere Menschen, als ich einer bin, wird eine Zeit kommen, in der sie sich nach einem Lande sehnen und zu einem Fleck Erde flüchten, wo die moderne Kultur, wo Technik, Habgier und Hetze noch eine friedlich Stätte weit vom Lärm, Gewühl, Rauch und Staub der Städte übriggelassen hat.« 

-KÖNIG LUDWIG II. VON BAYERN

Ludwigs Versailles im Chiemgau

Das große Vorbild für das Schloss auf der Herreninsel steht in Versailles, und ins Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig XIVfühle ich mich beim Anblick der Fassade und auch in den Innenräumen zurückversetzt. 

Ludwig II. verbrachte in seinem Traumschloss nur wenige Nächte. Im goldenen Bett hat er nie geschlafen. Im Spiegelsaal, der sein Pendant in Versailles in den Schatten stellt, hat niemand je getanzt. Aber es heißt, Ludwig habe hier manchmal nachts allein beim Schein von 2200 Kerzen gesessen und von einer besseren Welt geträumt. 

Ein Symbol für die Menschenscheu des Monarchen ist das berühmte „Tischlein deck dich” im Speisezimmer. Der versenkbare Tisch ermöglichte es dem König zu speisen, ohne von der Dienerschaft umringt zu sein.

Traumschlösser statt Wohnschlösser

Im Zeitalter der Industrialisierung förderte Ludwig weder Fabriken noch Eisenbahnen, sondern schuf mit seinen Schlössern Gegenwelten.

Schlossgarten von Herrenchiemsee
Schlossgarten von Herrenchiemsee

Die Baukosten für sämtliche Schlösser waren jedoch beträchtlich, Ludwigs Vermögen begrenzt. Da die Staatskasse tabu war, musste der Bayernkönig das Baugeld anderweitig zusammenschnorren. Bittbriefe ereilten Sponsoren aus Adel und Großunternehmen. Sogar seine Zustimmung zur Wahl des Preußenkönigs zum Deutschen Kaiser ließ Ludwig sich versilbern.

Ludwigs Schlösser waren allesamt keine Wohnsitze, sondern Traumschlösser, mit denen er der Monarchie ein Denkmal setzen wollte. 16,3 Millionen Goldmark für ein Hobby? Was zunächst nach purer Verschwendung klingt, erwies sich im Nachhinein als höchst gewinnbringende Investition. 

Ludwig schuf auf den Baustellen und in den Zuliefererbetrieben seiner Schlösser außerdem zahlreiche Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen, die bis heute vom Königschlösser-Tourismus leben. »Und schließlich«, sagt der Schlossführer, ein echter Ludwig-Fan: »Ludwig, der Pazifist, investierte in seine Träume, in Idealbilder von Kunst und Schönheit, statt in Waffen.« Auch dafür lieben die Bayern ihren »Kini«

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Das Ende des Märchenkönigs

Für die Köpfe des bayerischen Staates wurde der Träumer Ludwig mehr und mehr zum gefährlichen Spinner, zum Sicherheitsrisiko. Anfang Juni 1886 erklärte man den unbequemen König für »seelengestört« und ließ ihn entmündigen. »Dass man mir die Krone nimmt, könnte ich verschmerzen, aber dass man mich für irrsinnig erklärt hat, überlebe ich nicht …«, klagte Ludwig. Am 13. Juni ertrank der als guter Schwimmer bekannte Bayernkönig zusammen mit seinem Nervenarzt Dr. Gudden im kniehohen Wasser des Starnberger Sees. Die näheren Umstände wurden nie geklärt. 

Herrenchiemsee blieb unvollendet. Als das Schloss wenige Tage nach Ludwigs Tod zur Besichtigung freigegeben wurde, stürmten es Schaulustigen, die sich weder durch weite Anreisewege noch durch hohe Eintrittspreise abschrecken ließen. Die Anziehungskraft des Königsschlosses ist bis heute ungebrochen.

Spazierwege zwischen Schilf, Wald und Schlossgarten

Zwischen Kloster und Schloss kann man so manche Extrarunde drehen. Auf der autofreien und nur von wenigen Menschen bewohnen Insel gibt es reichlich Natur. Auf einem von drei Rundwegen erkunde ich Wälder und Wiesen, auf denen glückliche Inselkühe grasen, und natürlich den französischen Garten des Schlosses. Prächtige Brunnen mit allerlei Fabelgetier stimmen auf das Schloss ein, mit dem sich Ludwig ins Versailles des Sonnenkönigs zurückträumte. 

Infokasten

Hinkommen: In Prien am Chiemsee legen die Schiffe der Chiemsee Schifffahrt ab. Ein Ausflug zur Herreninsel lässt sich gut mit einem Abstecher zur Fraueninsel verbinden. Für beide Chiemseeinseln zusammen sollte man mindestens einen Tag einplanen. Ein besonderes Erlebnis ist die Übernachtung auf der Fraueninsel, die nach der Abreise der Tagesgäste ihr stilles Gesicht zeigt.

Besichtigen: Die Herreninsel (Neues Schloss inklusive Führung, König Ludwig II. Museum, Museum und Galerien im Augustiner-Chorherrenstift) kann man als Gesamtpaket buchen.

Lieblingsplatz: Boje 5, Grill am Chiemsee. Steckerlfisch zum Sundowner am See.

Literaturtipp

  • Klaus Reichold, Thomas Endl: Die phantastische Welt des Märchenkönigs: Ludwig II., 2017. Die neueste Biografie über den Ludwig II.

2 Kommentare

  • Ester Leibnitz
    11. März 2021 at 13:10

    Interessante Hintergründe und praktische Tipps-bestimmt ein tolles Ziel. Ist für den nächsten Bayernurlaub gespeichert…

    Antwort
    • Elke
      11. März 2021 at 13:13

      Liebe Ester,

      ja die Chiemseeinseln lohnen sich unbedingt! Schau doch gern auch mal den Artikel zur Fraueninsel an, denn am besten kombiniert man beide Inseln am besten. Die Krönung ist dann die Übernachtung auf der Fraueninsel – nach der Abreise der Tagesgäste ist die Stimmung einfach zauberhaft.

      Liebe Grüße

      Elke

      Antwort

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