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Reiseziele / Europa / Schweiz

Auf den Spuren von Hermann Hesse im Tessin

Blick von Montagnola auf den Luganer See

Vierzig Jahre lebte Hermann Hesse im Tessin. Im kleinen Ort Montagnola oberhalb des Luganer Sees verbrachte er die glücklichste Zeit seines Lebens. Hier führt ein Spaziergang zu den Wirkungsstätten des Literaturnobelpreisträgers. Und das Museum Hermann Hesse stimmt auf den Autor und sein Werk ein.

Der Lieblingsautor der Hippie-Generation

“Nie aber habe ich so schön gewohnt wie im Tessin, und noch keinem meiner Wohnorte bin ich so lange treu geblieben wie dem jetzigen.“ 

–Hermann Hesse 

Hesse war der Lieblingsautor der Hippie-Generation. Mich haben seine Bücher durch die Pubertät begleitet. Den „Steppenwolf“ fand ich zufällig im Bücherschrank meiner Eltern und tauchte mit 15 in eine morbide, verstörende Welt ein. Wie leicht und heiter waren dagegen „Siddhartha“ oder „Narziss und Goldmund“! Irgendwann war die Hesse-Phase passé, und die Bücher verstaubten im Regal. Erst auf meiner Tessin-Reise entdeckte ich den Autor wieder, der hier seinen Seelenplatz fand. 

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Ausflug von Lugano nach Montagnola

1907 machte Hermann Hesse im Tessin eine Entziehungskur auf den legendären Monte Verità bei Ascona. Seine erste Begegnung mit dem Flair des Südens im Tessin, das ihn nicht mehr loslassen sollte. Mitten in einer Lebenskrise zog der Schriftsteller 1919 endgültig in die Schweiz – der erste Weltkrieg wirkte noch nach, seine Frau suchte Zuflucht in einer Nervenheilanstalt, er selbst war psychisch angeschlagen und ziemlich abgebrannt. 

„Ich war jetzt ein kleiner abgebrannter Literat, ein abgerissener und etwas verdächtiger Fremder, der von Milch und Reis und Makkaroni lebte, seine alten Anzüge bis zum Ausfransen auftrug und im Herbst sein Abendessen in Form von Kastanien aus dem Wald heimbrachte.“

–HERMANN HESSE

In Lugano steige ich in den Bus Nr. 436 und bin in zehn Minuten in Montagnola, dem Dorf in Collina d’Oro („Goldener Hügel“), wo heute Besserverdiener in Villen mit traumhaftem Seeblick leben. Nur ein paar Minuten sind es von der Bushaltestelle zum Museo Hermann Hesse in der Torre Camuzzi.

In der liebevoll zusammengestellten Sammlung entdecke ich persönliche Gegenstände des Autors – von der Schreibmaschine, auf der er Meisterwerke wie „Das Glasperlenspiel“ oder „Siddhartha“ tippte, bis zum Strohhut, den er auf vielen Fotos trägt. Auch der Überseekoffer, der ihn auf Reisen nach Asien begleitete, fehlt nicht. Natürlich sind auch alte Ausgaben seiner Werke und Aquarelle zu sehen, und ein 50-minütiger Film führt ins Leben des Literatur-Nobelpreisträgers ein.

Montagnola: Ein Platz für die Seele

„Als Gnade vom Himmel kam dazu ein Sommer, wie ich nur wenige erlebt habe, von einer Kraft und Glut, einer Lockung und Strahlung, die mich mitnahm und durchdrang wie schwerer Wein.“

-Hermann Hesse

In Montagnola fand Hesse seine Kreativität wieder und blieb bis zu seinem Tod 1962. Die faszinierende Seen- und Berglandschaft mit ihrem milden Klima inspirierte ihn zu neuen Texten, aber auch zu farbstarken Aquarellen. Auftakt zu einer hoffnungsvollen Zeit mit einer neuen Liebe, der Sängerin und Malerin Ruth Wenger, die er 1924 heiratete.

Sein erstes Jahr im Tessin beschrieb er später als „vollste, üppigste, fleißigste und glühendste Zeit“ seines Lebens. In wenigen Wochen schrieb er die Erzählung „Klingsors letzter Sommer“, die stark autobiografische Züge trägt. Später entstand ein Weltbestseller nach dem anderen am Schreibtisch in Montagnola. 

Ortsspaziergang auf den Spuren von Hermann Hesse im Tessin

Im Museum miete ich einen Audio-Guide, der in 2–3 Stunden zu den wichtigsten elf Stationen im Leben des Autors rund um Montagnola führt. Das Museo Hermann Hesse selbst gehört zur Casa Camuzzi, dem herrschaftlichen Haus, in dem Hesse von 1919–1931 eine Dachkammer mietete. Bescheiden, kaum beheizbar, aber für den armen Poeten bezahlbar und mit herrlichem Blick auf den Luganer See. Schade, für Besucher ist das Haus nicht zugänglich.

Unterwegs komme ich an einer internationalen Schule vorbei. Ob die Schüler wohl Hesse im Unterricht lesen? Nach einer guten halben Stunde erreiche ich die Kirche San Abbondio im Ortsteil Gentilino, zu der eine Zypressen-Allee führt – sehr toskanisch. Hier spürt man deutlich: Italien ist nah. Auf der anderen Straßenseite liegt der Friedhof mit monumentalen Mausoleen. Es dauert eine Weile, bis ich das Hesse-Grab gefunden habe, das schlichteste auf dem Friedhof. So hatte Hesse es gewünscht. Schmucklose Grabsteine erinnern an ihn und seine dritte Frau Ninon, mit der er die späten Jahre im Tessin verbrachte.

Auf der Via Hermann Hesse geht es weiter zu einem Gedenkstein, den man am 100. Geburtstag von Hermann Hesse errichtete. Zeit seines Lebens hatten die Tessiner ein distanziertes Verhältnis zum Schriftsteller, erst kurz vor seinem Tod 1962 hatte man ihn zum Ehrenbürger erklärt.

Der letzte Punkt der Route auf den Spuren von Hermann Hesse im Tessin ist die Casa Rossa, an der ich erstmal vorbeilaufe, weil sie heute weiß statt rot ist. Die Villa ließ Hesses Zürcher Gönner, der Industrielle Hans Conrad Bodmer, bauen – ganz nach den Wünschen des Autors. Es sollte zum Glücksort der späten Jahre für Hermann Hesse werden. Heute ist es in Privatbesitz, man kann nur aus der Ferne einen Blick über die Hecke in den Garten werfen. 

Auf dem gleichen Weg laufe ich wieder zurück zum Ausgangspunkt des Spaziergangs. Es bleibt Zeit für einen Cappuccino im Literatur-Café Boccadoro neben dem Museum, dessen Name (Goldmund) auf Hesses Roman „Narziss und Goldmund“ anspielt, mit reichlich Hesse-Literatur zum Schmökern.

Literaturtipps

  • Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer. Die Erzählung entstand im ersten Jahr im Tessin und trägt stark autobiografische Züge. 
  • Hermann Hesse, Siddhartha
  • Hermann Hesse, Narziss und Goldmund
  • Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel
  • Regina Bucher, Mit Hermann Hesse durchs Tessin, 2015. Die Direktorin des Museo Hermann Hesse in Montagnola führt auf den Spuren des Dichters kenntnisreich und unterhaltsam durchs Tessin.

Weiterlesen: Lust aufs Tessin bekommen?

Hier geht es zum Monte Verità bei Ascona, wo im frühen 20. Jahrhundert Künstler und Aussteiger ihr Paradies fanden.

Offenlegung: Die Reise unterstützte Ticino Turismo durch Unterkunft und Anreise. An die Veröffentlichung waren keinerlei Vereinbarungen/Bedingungen geknüpft, und der Artikel spiegelt meine eigene Meinung wieder.

4 Kommentare

  • Beate
    12. März 2021 at 12:05

    Schöne Erinnerung an die Jugend mit Herrmann Hesse.
    Vielen Dank für den schönen Beitrag!

    Antwort
    • Elke
      12. März 2021 at 13:49

      Freut mich, wenn dir der Beitrag gefallen hat, liebe Beate!

      Liebe Grüße
      Elke

      Antwort
  • Marike
    22. April 2021 at 18:57

    40 Jahre lang die glücklichste Zeit des Lebens! Das ist zu bewundern. Vor Jahren habe ich mal die Nervenheilanstalt in Stetten besucht, in der Hesse einige Zeit verbrachte. Danke für die Entführung ins Tessin.

    Antwort
    • Elke
      23. April 2021 at 0:00

      Liebe Marike,
      vielen Dank für den Hinweis auf Stettin. Sicher ein interessanter Platz.
      Liebe Grüße
      Elke

      Antwort

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