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Reiseziele / Europa / Schweiz

Ein magischer Ort: der Monte Verità bei Ascona

Teeplantage auf dem Monte Verità

„Als Kind bekam ich immer glänzende Augen, wenn die Luxuskarossen auf der Promenade am Lago Maggiore auffuhren“, erinnert sich Gästeführerin Carolina Peter. „Die große Welt bei uns im kleinen Tessin!“ Tatsächlich war Ascona in den 1950er- und 1960er-Jahren mondänes Urlaubsziel der High Society, in dem sich Promis von Brigitte Bardot bis Herbert von Karajan blicken ließen. Ascona war viel mehr als nur ein Badeort am Lago Maggiore. Ascona war ein Lebensgefühl.

Wenn auch nach und nach der Glamour ein bisschen verblich und Ascona zum Rentnerparadies mutierte – seit ein paar Jahren ist man wieder hip. Und so sitzt heute ein buntes Völkchen beim Aperol Sprizz an der Promenade und schaut dem See beim Glitzern zu. Besonders in der Nebensaison, wenn deutlich weniger Besucher hier flanieren, verströmt er eine besondere Magie, die schon die „Entdecker“ Asconas vor mehr als hundert Jahren bezirzte. 

Ausflug auf den „Berg der Wahrheit“ im Tessin

Rund 45 Minuten brauche ich, um von der Seepromenade auf den Hügel mit dem poetischen Namen – Monte Verità („Berg der Wahrheit“) – zu wandern. Oben tauche ich in eine andere Welt ein. Monte Verità ist heute ein lebendiges Museum mit vielen Erinnerungen an eine faszinierende Epoche, aber auch Ort eines besonderes Experiments.

Grüner Lifestyle im frühen 20. Jahrhundert 

Um 1900 war Ascona ein Fischerdorf, das Tessin das Armenhaus der Schweiz. Gleichzeitig aber die Sonnenstube der kleinen Alpenrepublik. Das milde Klima lockte eine Gruppe von Aussteigern an – allen voran den belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven und die deutsche Pianistin Ida Hofmann. Sie erwarben den Hügel über dem Lago Maggiore, um alternative Lebensformen auszuprobieren. 

Für die Zuzügler war das Tessin eine Gegenwelt zum urbanisierten, industrialisierten Norden Europas. Ihre neue Heimat tauften sie Monte Verità. Der „Berg der Wahrheit“ wurde zum Zufluchtsort für Weltverbesserer aller Art. Bei bester Aussicht praktizierte die Gemeinschaft hier oben einen naturnahen Lifestyle: freie Liebe, Freikörperkultur, vegane Ernährung, Frauenemanzipation und Umweltschutz – die Neu-Tessiner waren die „Hipster“ des noch jungen 20. Jahrhunderts, Vorreiter der Friedens- und Öko-Bewegung. Sie bauten Obst und Gemüse an und entspannten nach der Feldarbeit mit Nacktbaden und Eurythmie. 1903 eröffnete auf dem Berg das erste vegane Sanatorium der Welt.

Spaziergang durch die Geschichte

Eine Ausstellung in der Casa Anattawo Oedenkoven und Hofmann unkonventionell und ohne Trauschein lebten, informiert über das einstige Leben im Freidenkerparadies.

Beim Anblick der Fotos muss ich schmunzeln: Nackte Menschen bei der Feldarbeit wirken ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Andererseits haben die Männer vom Monte Verità mit Bart und Zopf durchaus Ähnlichkeit mit Hipstern des 21. Jahrhunderts. Was müssen die Fischer vom Lago Maggiore gedacht haben? „Mein Großvater erzählte immer mal wieder Anekdoten von den Verrückten auf dem Berg“, verrät Carolina Peters. 

Wie das Gros der Bewohner lebte, zeigt die Casa Selma1904 als klassische „Licht-Luft-Hütte“ erbaut. Einfache Holzhütten mit Luftzirkulation unter mächtigen Bäumen. Heute liegt hier oben ein riesiger Park, der zu Spaziergängen einlädt. 

Schnell verbreitete sich der Ruhm des Monte Verità in Berlin, München und St. Petersburg. Ab 1913 wurde Ascona mehr und mehr zum Künstlerort. Die europäische Bohème war mit Schriftstellern wie Erich Mühsam, Hermann Hesse, Franziska Gräfin zu Reventlow und D.H. Lawrence vertreten. Die expressionistischen Maler Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky, Bildhauer wie Jean Arp und Tanzreformer wie Rudolf von Laban, Mary Wigman und Isadora Duncan reisten an. Dazu jede Menge Lebenskünstler, Kommunisten und Anarchisten. Den Gründern wurde es schließlich zu rummelig und sie zogen 1920 weiter nach Brasilien. 

Künstlertreffpunkt Monte Verità

In den 1920er-Jahren erwarb Baron Eduard von der Heydt, der Bankier des ehemaligen deutschen Kaisers Wilhelm II. und ein bekannter Sammler zeitgenössischer und außereuropäischer Kunst, den Monte Verità. Er hauchte der Künstlerkolonie neues gesellschaftliches Leben ein und machte den Berg durch den Bau eines Hotels zum schicken Wellnessresort. Ab 1933 kamen Emigranten wie Albert Einstein oder die Literaten Erich Maria Remarque und Else Lasker-Schüler. Der Zweite Weltkrieg beendete die neue Blütezeit des Monte Verità. Nach dem Krieg vererbte der Baron seinen Besitz dem Kanton Tessin. 

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Eine Stilikone ist die Albergo Monte Veritàein Bauhaus-Hotel, das der deutsche Architekt Emil Fahrenkamp 1926–1929 im Stil der klassischen Moderne baute. Mit klaren Formen, breiten Fenstern und Flachdächern. Wenn auch hier und da im Laufe der Jahrzehnte verändert, atmet der luftige Bau immer noch den Geist der 1920er-Jahre und ist heute beliebtes Tagungshotel. Fantastisch ist der Blick von der Restaurantterrasse über den Lago Maggiore. Zeit für eine Kaffeepause, entscheide ich.

Ein Kraftort mit Zen-Garten und Teehaus

Der Monte Verità ist ein Kraftort geblieben – mit wunderbaren alten Bäumen und endlosen Spazierwegen. Aber auch einem Zen-Garten mit Teeplantage, wo man sich wie im fernen Japan fühlt. 

Dank einzigartigem Mikroklima gedeihen am Lago Maggiore nicht nur Zierkamelien (Camellia japonica), sondern auch deren nützliche Verwandte, die Teepflanzen Camellia assamica und Camellia sinensis. Diese wachsen sonst nur in subtropischen Regionen der Welt. 

Ein Drogist aus Luzern erforschte vor rund zwanzig Jahren das Wachstum der beiden Kamelienarten aus China im Tessin und stellte fest: Sie fühlten sich im Tessiner Mikroklima sichtlich wohl. 2005 eröffnete er den Teegarten auf dem Monte Verità, und heute wachsen in der einzigen Teeplantage Festland-Europas rund 1400 Teesträucher. Von Mai bis August ernten Mitarbeiter die Teeblätter und verarbeiten sie zu Grün- und Schwarztee. Ist nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten die Schweizer Teeplantage auch kein Erfolgsmodell – der Zen-Teegarten nach japanischem Vorbild ist ein magischer Ort. Von hier schlängelt sich ein Teeweg zum Teehaus der „Casa del The“, wo Teespezialisten regelmäßig Teezeremonien abhalten. 

Teekennerin Yvonne Dellamora erwartet mich schon und schenkt mir eine Schale vom wunderbar spritzigen Tee der Plantage ein. Allerfeinste Qualität und nicht verkäuflich. Bereits Baron von Heydt habe ein Teehaus auf dem Berg geplant, erzählt sie. „Unsere Plantage fügt sich in die Philosophie der Langsamkeit ein, die schon die Siedler vor hundert Jahren hier lebten. Ja, wir passen wunderbar hierher“, ergänzt Dellamora. 

Der Garten der kleinen Teestube hat definitiv das Zeug zum Lieblingsplatz: Ich blicke auf den Lago Maggiore und fühle mich wie einst die Pioniere des Monte Verità der Welt dort unten ein gutes Stück entrückt.

Weiterlesen: Lust aufs Tessin bekommen? Hier kannst du auf Hermann Hesse Spuren bei Lugano wandeln:

Offenlegung: Die Reise unterstützte Turismo Ticino mit Unterkunft und Anreise. An die Veröffentlichung waren keinerlei Vereinbarungen/Bedingungen geknüpft, und der Artikel spiegelt meine eigene Meinung wieder.

6 Kommentare

  • Angela
    10. März 2021 at 17:16

    Liebe Elke,
    das Tessin hat uns auch total begeistert, und der Mote Verita ist wahrlich ein magischer Ort. Ich habe über die Geschichte dieses Berges in meinem Studium mal ein Referat gehalten. Da war es umso schöner, ihn endlich mal selbst kennenzulernen – einschließlich des unvergesslichen Kastanienkuchens. Yummy!
    Liebe Grüße
    Angela

    Antwort
    • Elke
      10. März 2021 at 19:10

      Liebe Angela,

      Monte Verità muss vor gut 100 Jahren ein unglaublicher Ort gewesen sein! Auch jetzt noch superschön, mit der Teeplantage als echtem Highlight. Nur Kastanienkuchen habe ich dort oben nicht bekommen 😉

      Liebe Grüße
      Elke

      Antwort
  • Ester Leibnitz
    11. März 2021 at 13:13

    Als Herrmann-Hesse-Fan habe ich hier viel Interessantes erfahren und Lust bekommen, auf seinen Spuren zu wandeln. Lustig, dass die bewohner des Monte Verita auch Veganer waren und sehr sympathisch :-))

    Antwort
    • Elke
      11. März 2021 at 13:18

      Liebe Ester,

      ja, Monte Verità ist definitiv ein besonderer Platz, denn man beim Urlaub in Ascona nicht verpassen sollte! Wenn du dich für Hesse interessierst, findest du mehr Infos im Post zu Hermann Hesse in Montagnola …

      Liebe Grüße
      Elke

      Antwort
  • Annette Freudenthal
    16. März 2021 at 12:22

    Hallo Elke,
    als Badener sind wir immer wieder mal in der Gegend, wobei wir die italienische Seite bevorzugen. Bei unserer Kurzreise letztes Jahr nach Cannobio fanden dort gerade Dreharbeiten zum Spielfilm »Monte Verità« statt. Vorher habe ich noch nie von dieser Künstlerkolonie gehört. War interessant, zuzuschauen.
    Liebe Grüße
    Anne

    Antwort
    • Elke
      16. März 2021 at 12:40

      Hallo Anne,
      ach, spannend! Von dem Film habe ich noch nicht gehört. Ist der schon im Kino bzw. auf Netflix oder anderswo gelaufen? Muss ich mir natürlich unbedingt anschauen … Danke für den Tipp!
      Liebe Grüße
      Elke

      Antwort

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